Tom Zeizel’s Blog: Wie oft sind IT-Entscheidungen pubertär?

Tom Zeizel’s Blog: Wie oft sind IT-Entscheidungen pubertär?

Am letzten Wochenende habe ich etwas intensiver nachgedacht, wie denn eigentlich Kaufentscheidungen fallen. Wahrscheinlich sind die wenigsten wirklich rational. Man lässt sich gern beeinflussen. Sieht man sich etwa junge Menschen in der Pubertät an, so stecken viele von ihnen einen nicht unerheblichen Aufwand in ihr Äußeres, zeitlich und auch finanziell. Wer nun meinen würde, dass es um Differenzierung ginge, täuscht sich. Wenn man nicht so ganz genau hinsieht, sehen sie fast alle gleich aus.

Auch in der Politik empfinden doch viele Bürger die Freiheit der Demokratie mit ihren sich nach Kräfteverhältnissen langsam weiterentwickelnden Entscheidungen als zu wenig Sicherheit vermittelnd. Scheinbar sehnen sie sich nach einem klaren, einfachen Plan für den Weg in die Zukunft. Besser darf es schon werden, aber im Nahbereich sollte sich möglichst nichts ändern. In allen Dialekten gibt es den Satz, der auf hochdeutsch lautet „Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht“, was dem Berufsstand sicher nicht gerecht wird, aber die Zögerlichkeit von Bekanntem abzuweichen, gilt dennoch für viele Menschen.

Es gibt in Deutschland fünf große Automobilhersteller mit noch mehr Marken. Zudem wird der Markt auch von internationalen Herstellern bedient. Eigentlich müssten die beiden Treiber

  • Am besten man nimmt, was man kennt (auch nicht immer richtig)
  • Was alle machen, kann nicht falsch sein (was keinesfalls immer stimmt)

dazu führen, dass es langsam zu einer fortschreitenden Monopolisierung kommt. Aber das ist nicht so. In der Realität des Automobilmarktes bleiben die Marktanteile fast stabil. So alle paar Jahre wechseln sich die führenden Daimler und BMW mal wieder ab, und Audi bleibt der dritte. Warum ist das so und wie kommt es dazu? Und es zeigt sich, dass sogar radikal-innovative Lösungen, wie etwa von Tesla, durchaus Beachtung am Markt finden.

Ein Autokauf war schon immer und ist heute noch viel mehr ein durch Emotionen getriebenes Thema, denn fahren tun sie alle. Der Erfolg der ökologisch zumindest bedenklichen SUV Welle zeigt, dass das Automobil immer noch gern als eine Form der Selbstdarstellung und damit Differenzierung gesehen wird – und wenn es nur gegenüber dem Nachbarn ist. Und natürlich werden technische Gründe vorgeschoben, was z.B. bei Luxus-Smartphones auch nicht viel anders ist.

Auffällig ist dabei, dass die Hersteller die Automobile in ihrer Optik, ähnlich den pubertierenden, jungen Leuten, immer mehr angleichen. Es kommt zu einer Art „optischen Monopolisierung“ – mit dem Vorteil, dass man sogar bei seiner Marke bleiben kann.

Wie ist es mit Entscheidungen in der Informationstechnologie?

Was ich mich letztlich gefragt habe, ist, wie es beim Thema Informationstechnologie zu Entscheidungen kommt. Wir erleben zum Beispiel im Bereich der Collaboration Lösungen seit Jahren einen Trend zu einer tatsächlichen Monopolisierung. Dabei habe ich nicht selten den Eindruck, dass so mancher Entscheider denkt, man müsse nur der Herde folgen, dann kann nichts schief gehen mit der eigenen Karriere. Tiefere Gründe, technische Faktoren oder auch Kosten spielen da nur Nebenrollen. Und es wird nur zu oft übersehen, dass wer immer folgt nie vorn sein kann.

Und anders als beim Automobilkauf ist das Thema der Selbstdarstellung im übertragenen Sinne immer weniger ausgeprägt. Man versteckt sich gern hinter von gutem Marketing platzierten, sogenannten „Standardlösungen“. Dabei sind die nicht selten um einiges teurer als Individuallösungen, es ist aufwendig dahin zu kommen und sie passen eben auch nicht immer richtig. Und wenn man dann merkt, dass die „Standardlösungen“ in sich gar nicht so wirklich standardisiert sind und man sich so in eine kaum noch lösbare Abhängigkeit gegeben hat, ist die Frustration auch nicht mehr weit.

Spätestens am Ende der Pubertät merken viele Menschen, dass eine gewisse Differenzierung von anderen und ein Fokus auf das, was wirklich zu einem passt, ein Weg des Erfolgs ist. In der Informationstechnologie ist das eben nicht die „Standardlösung“, sondern das, was manchmal „Best of Breed“ genannt wird – die Auswahl des jeweils Besten. Natürlich müssen solche Bausteine in der Welt der Informationstechnologie dann auch mindestens so gut zusammenspielen, wie die Elemente der „Standardlösung“. Da liegt die Messlatte interessanterweise ziemlich tief.

Wenn ich das so zusammenfasse, dann ist es nur eine Frage der Zeit – oder auch des wandelnden Zeitgeistes – wann das Pendel wieder mehr zu Differenzierung führt. Unternehmen leben nicht in der Phase der Pubertät – des Ausprobierens und Lernens. Unternehmen leben im Wettbewerb – und da ist Differenzierung nun einmal ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil. Auch in der IT.

Lassen Sie uns mehr darüber reden, wenn wir uns das nächste Mal treffen

Ihr

Dr. Thomas Zeizel
Business Unit Executive IBM Collaboration & Talent Solutions D-A-CH