IBM goes Apple?

Warum HCL keine verlängerte Werkbank für Big Blue ist

Im Rahmen der letzten DNUG-Konferenz habe ich rund um die Partnerschaft zwischen HCL und IBM zahlreiche Aussagen, aber auch Fragen von Partnern und Kunden erhalten. Es ist mein Eindruck, dass im Markt generell und insbesondere bei den Kunden, aufgrund der doch recht spärlichen Informationen sehr unterschiedliche Einschätzungen zu der Partnerschaft vorherrschen.

Ich folge daher dem Ansinnen der diesjährigen DNUG-Mitgliederversammlung, dass Mitglieder ihre Meinung zu aktuellen Themen auf dem DNUG-Blog veröffentlichen können. In diesem Fall möchte ich die Partnerschaft von HCL und IBM in hoffentlich verständlicher Form zusammenzufassen und aus meiner Sicht bewerten.

Im November 2017 wurde die Notes-Community zum ersten Mal seit vielen Jahren von einer – nennen wir es – „größeren Ankündigung“ zu Notes/Domino überrascht. Die Ankündigung umfasste im Wesentlichen zwei Schwerpunkte:

  • IBM übergibt Entwicklung und Support der Notes/Domino-Produktfamilie an eine indisches IT-Unternehmen mit dem Namen HCL Technologies. Vertrieb und Produktmanagement verbleiben bei IBM.
  • Für 2018 wird eine neue Version 10 des Produktes Domino/Notes sowie unter #domino2025 ein weltweiter Jam zur Planung der Domino-Roadmap angekündigt.

Die Erklärung fand ich recht unkonkret und hat bei mir mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben:

  • Wieso ist es ein Investment der IBM nun mit einem strategischen Partner zu arbeiten?
  • Was versteht IBM unter strategischer Partnerschaft?
  • Warum sollte eine signifikante Verbesserung nur durch Ankündigung einer Version 10 eintreten?

Die zum Teil widersprüchlichen und verwirrenden Informationen konnten – wenn überhaupt – nur über die üblichen persönlichen Kanäle zur IBM besprochen werden. Dazu passte auch die Information, dass HCL nahezu das gesamte Notes/Domino-Entwicklungsteam übernimmt. Das ließ die Frage offen: Wie unterscheidet sich diese strategische Partnerschaft von einem reinem Outsourcing-Deal?

Indian Business Machines?

Es ist ja geübte Praxis das im Rahmen des Transitionsprozesses die lokalen Programmierer ihr Know-how an günstigere indische Entwickler übergeben. Das hätte IBM aus meiner Sicht einfacher haben können, da sie seit mehr als zehn Jahren in Indien tätig ist und dort mittlerweile über 150.000 Mitarbeiter beschäftigt. „Indian Business Machines“ ist in den USA ein übliches Bonmot für dieses Job-Shifting. Ein reiner Outsourcing-Deal wäre lediglich eine interne Restrukturierungsmaßnahme und daher nicht wirklich relevant für eine solche Ankündigung.

Das Ganze wurde auf der IBM-Blogsite angekündigt und über die üblichen Social-Media-Kanäle der IBM-Community an engagierte IBMer, IBM Champions und angeschlossene User Groups als „Great News“ verbreitet. Die dünnen Informationen wurden entsprechend oft redundant wiederholt.

Außerhalb der ICS-Community war das Echo in der Presse erstaunlich gering. Die Standardmedien der IT-Industrie wie Computerwoche, Computer Week sowie die Analysten haben so gut wie gar nicht darüber berichtet. Mit Ausnahme des Heise-Verlags, der trotz kritischer Überschrift eine sachliche Zusammenfassung der damals vorliegenden Information gab.

Erstaunlich war auch, dass IBM weder eine offizielle Presseerklärung, noch eine Information an Aktionäre bzw. Investoren herausgegeben hat. Im Q417 Earning Call wurde das Thema in keinster Weise erwähnt.

Das ist insofern bemerkenswert, als das IBM für die Übernahme von Lotus in 1995 immerhin 3,5 Milliarden US-Dollar bezahlt hat – die mit Abstand größte Übernahme der IBM bis heute. Zum Vergleich: 2013, also fast 20 Jahre später, zahlte Big Blue für die strategisch wichtige und viel diskutierte Übernahme von Softlayer als technologischer Grundlage für die IBM Cloud nur zwei Milliarden US-Dollar.

Ankündigungen in 2018

Auf der THINK 2018 in Las Vegas und der #dnug45 in Darmstadt wurden der ICS-Community erstmals weitere Informationen und interessante Ankündigungen zur Version 10 direkt von HCL präsentiert:

  • Nomad, der Notes-Client für das iPad: Nomad erlaubt eine native Ausführung aller Notes Anwendungen auf dem iPad. Der Nomad-Client steht allen Notes/Domino Kunden mit aktiver Wartung zur Verfügung. HCL legt Wert darauf, dass dies kein IBM- sondern ein HCL-Produkt sei.
  • Domino App in der Cloud: HCL wird ein Cloud Offering für den Betrieb von Domino Apps anbieten. Im Gegensatz zum IBM-Angebot wird HCL hierzu wahlweise auf AWS oder Azure Cloud anbieten. Die Kunden haben somit die Wahl zwischen IBM oder HCL. Auf Basis der heute vorliegenden Informationen ist nicht zu beurteilen, ob dies als Wettbewerb gesehen wird oder als komplementäres Offering

Tom Zeizel vertrat auf seinem DNUG-Blog wiederholt die Auffassung, dass IBM „die volle Produktverantwortung“ behalte und die Beziehung zwischen IBM und HCL „an die Partnerschaft von Apple und Foxconn erinnert“. Dies entspricht auch der derzeitigen Meinungsäußerung des deutschen IBM-ICS Teams in Richtung Kunden.

Der Auftritt von HCL auf der #dnug45 vermittelte mir aber ein anderes Bild. Die HCL-Präsentationen waren nicht nur eigenständig und unterhaltsam, sondern auch inhaltlich sehr konkret. HCL sprach zahlreiche seit Jahren offene Punkte an, die zur Umsetzung in Version 10 adressiert wurden. Zwischen den Zeilen wurde klar, dass die Eclipse-Plattform zwar noch in Version 10 enthalten ist, sie aber sicherlich keine strategische Plattform sein wird.

Es ist offensichtlich, dass HCL sich weder als reiner Outsourcer versteht bzw. ein reines Outsourcing-Verhältnis mit IBM vorliegt. HCL hat ein eigenständiges, kreatives Auftreten und kann eigene Produkte und/oder Lösungen auf Basis des Notes Source Code anbieten.

Zur Faktenlage

Für die Bewertung der Entwicklung der Notes/Domino-Produktfamilie ist es sowohl für Kunden als auch Business Partner wichtig, den Inhalt dieser strategischen Partnerschaft zu verstehen. Im Folgenden möchte ich daher die derzeit bekannten Erkenntnisse zusammenfassen:

  • HCL hat sich verpflichtet, eine Version 10 des Produktes Notes/Domino im vierten Quartal 2018 herauszubringen.
  • HCL hat von IBM eine Art Source Code Lizenz erworben, die eine eigenständige Entwicklung und auch den Vertrieb eigener Lösungen auf Basis dieser Source Code Plattform ermöglicht.
  • Der Vertrieb der Produkte Notes/Domino läuft zurzeit über IBM.
  • IBM hat das Produkt nicht verkauft, sondern besitzt weiterhin die IPs und vor allem die Markenrechte – nur ohne eigene Entwicklung. Daher war aus rechtlicher Sicht keine Pressemitteilung an die Investoren notwendig. Es wurde aber sicherlich auch deswegen nicht kommuniziert, um kritische Nachfragen der Investoren und Analysten zu vermeiden.
  • Der zukünftige Umsatz aus Wartung und Lizenzgeschäft wird zwischen IBM und HCL nach einem vertraulichen Schlüssel geteilt – Stichwort: revenue sharing.
  • HCL-Lösungen können anscheinend in bestimmten Bereich im Wettbewerb zu IBM-Lösungen stehen oder flexiblere Lösungen rund um die Notes/Domino-Familie ermöglichen. Sie dürfen nur nicht den Namen Notes/Domino beinhalten.

Es gibt derzeit noch viele Fragestellungen und auch potentielle Konfliktsituationen, die sich im Rahmen der weiteren Zusammenarbeit ergeben können. Die dazu getroffenen vertraglichen Regelungen zwischen IBM und HCL sollten solche Konflikte vermeiden oder zumindest für eine definierte Vertragslaufzeit aufschieben. Für Verträge gilt das gleiche wie Software; sie sind nicht fehlerfrei und können nicht alle denkbaren und nicht denkbaren Zustände berücksichtigen.

Die Kommunikation ist ausbaufähig

Als erstes Fazit möchte ich festhalten, dass die Kommunikation rund um den Einstieg und der Rolle der HCL deutlich ausbaufähig ist, um die Kunden, insbesondere deren Management von einer positiven Zukunft zu überzeugen. Zurzeit dominiert bei Kunden und in der Community die fatalistische Einschätzung, dass es nach den Erfahrungen der letzten drei Jahre nur besser werden kann.

Notes/Domino in Version 10, der Nomad-Client sowie die in 2019 anstehende Version 11 werden zeigen, inwieweit die strategische Partnerschaft zwischen IBM und HCL eine leistungsfähige Plattform für die zukunftssichere Entwicklung und Vertrieb der Notes/Domino-Familie bieten wird.

IBM hat bei Notes/Domino die Rolle einer reinen Marketing- und Vertriebsgesellschaft übernommen und wird hier auch entsprechende Mehrwerte im Vertrieb bieten müssen. Wettbewerb belebt bekanntlich das Geschäft. In diesem Fall kann allein schon die theoretische Möglichkeit eines Wettbewerbes zwischen HCL und IBM belebend wirken.

Am 9. Oktober erscheint nun Version 10 von Notes/Domino. IBM kündigt das Release als „nächste Ära der schnellen Anwendungsentwicklung“ an. In verschiedenen Städten Europas finden zu diesem Anlass mehrere Events statt. Auch die DNUG ist mit dabei. Sie veranstaltet ihre Bleed Yellow Prelaunch-Party am Vorabend zur Weltpremiere von V10 Frankfurt.

Wie beurteilst Du diese Entwicklungen der letzten Monate? Sind IBM und HCL auf dem richtigen Weg? Was können sie verbessern? Wenn auch Du Deine Position hier auf dnug.de veröffentlichen möchtest, schreibe eine Mail an unser Marketing-Team. Falls Du weiter auf dem Laufenden bleiben möchtest, dann abonniere den DNUG-Newsletter und/oder die Social Media Kanäle unserer Usergroup.